Eigenen Raum für LSBTIQ* im Rahmen der offenen Jugendarbeit in Marl

Im Mai wurden die Regenbogenfahnen traditionell von Seiten der Stadt Marl gehisst, um ein Zeichen für Vielfalt und gegen Ausgrenzung zu setzen. Der Ausbau von Angeboten in der Kinder- und Jugendhilfe soll nun folgen und auf Ausgrenzungen und Diskriminierungen von LSBTIQ* reagieren. Bisher gibt es im ganzen Kreis Recklinghausen kein Angebot für die Zielgruppe.

Zur Sitzung des Ausschusses für Geschlechtergerechtigkeit, Vielfalt und Toleranz am 22.06.2021 und zur Ratssitzung am 30.06.2021 stellte die SPD-Fraktion zusammen mit der Fraktion WG Die Grünen und dem Einzelratsmitglied Die Linke einen Antrag auf Schaffung von Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe für junge Menschen, die der LSBTIQ* Community angehören.

Bei 6 Gegenstimmen und keinen Enthaltungen beschloss der Rat:

1.) Die Veraltung wird beauftragt, zu prüfen, in welcher Form regelmäßige, stationäre Angebote, möglichst in speziell nur dafür vorgesehenem Raum*, geschaffen werden können, die sich an junge Menschen richten, die der LSBTIQ* Community angehören.

2.) Die Verwaltung wird beauftragt, zu prüfen, wie Maßnahmen zur Sensibilisierung und Schulung von Fachkräften mit Bezugspunkten zur LSBTIQ* ausgebaut werden können.

3.) Die Ergebnisse und entsprechende Konzepte werden dem Kinder- und Jugendhilfeausschuss zur Beratung vorgelegt, um diese beim Entwurf für die Fortschreibung des Kinder- und Jugendförderplans für die Jahre 2022 bis 2027 berücksichtigen zu können.

In der Begründung führten die Fraktionen aus:
Zu den Leitbildern der Kinder- und Jugendhilfe gehört u.a. die Anerkennung von Kindern und Jugendlichen in der Vielfalt ihrer Identitäten. Wesentliche Merkmale der individuellen Persönlichkeit sind die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität.
Besonderes Augenmerk ist dabei auf die Gruppe der Kinder- und Jugendlichen zu richten, die der Gruppe der LSBTIQ* angehören. Zurzeit gibt es nach unserer Kenntnis im gesamten Kreis
Recklinghausen kein spezielles Angebot, dass sich an Kinder und Jugendliche aus der LGBTIQ* Community richtet. Junge Menschen aus Marl weichen, wenn sie mobil sind, daher häufig in umliegende Städte aus, z. B. Gelsenkirchen.

In Marl leben schätzungsweise rund 1000 junge Menschen, die sich zu der Gruppe der LSBTIQ* zuordnen. Dabei ist festzustellen, dass es sich hier um keine homogene Gruppe handelt und die
Bedürfnisse und die Lebenssituationen, in denen sich die jungen Menschen befinden sehr unterschiedlich sind. Zu den verbindenden Elementen gehören jedoch Erfahrungen der Diskriminierung, Gewalt und der Ausgrenzung. Laut einer EU weiten Befragung aus dem Jahr 2020, bei dem sich 16.000 Menschen aus Deutschland beteiligten, erlebten 19% in den letzten 12 Monaten Diskriminierungen durch Personal an Schulen oder Universitäten. 48% haben während der Schulzeit erlebt, dass sie beleidigt, bedroht oder lächerlich gemacht werden. Rund 10% erlebten immer negative Kommentare oder negatives Verhalten ihnen gegenüber in der Schule. Laut einer Befragung der Antidiskriminierungsstelle aus 2017 finden es 40,8% sehr bzw. eher unangenehm, wenn der eigene Sohn „schwul“ wäre. Viele sind durch die diskriminierenden Erfahrungen psychisch stark belastet, einige entwickeln im weiteren Verlauf psychische Erkrankungen. Der Austausch innerhalb der Community hat für die lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen im Jugendalter eine besondere Wichtigkeit.

Das Bewusstsein für die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität entsteht in der Regel während der Pubertät. Daher sind die Sensibilisierung und Schulung von Mitarbeiter*innen in
Jugendeinrichtungen, Schulen und in der Jugendhilfe tätigen Personen über die Schaffung zielgruppenorientierter Angebote hinaus ein wesentlicher Faktor, um Erfahrungen mit Diskriminierung
zu verhindern bzw. die Folgen auffangen zu können. Entsprechende Angebote sollten noch stärker genutzt und ausgebaut werden.

*Ergebnisse von Änderungsanträgen sind fettgedruckt