Provozierter Sturm im Rathaus?

Beim ersten Hinsehen klingt es wie eine Katastrophenmeldung: Sollte der Zustand der beiden Türme wirklich den Aussagen der Schlagzeilen entsprechen, wäre eine sofortige Schließung des Rathauses unabwendbar. Dies bestätigt auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Groß aus Fürsorge für die Mitarbeiter.

Aber wer gestern im Immobilienausschuss dem Arbeitsmediziner Dr. Wolfgang Wischnewski aufmerksam bis zum Ende gelauscht hat, konnte feststellen, dass seine anfangs erschreckend schweren Vorwürfe im Laufe der Diskussion immer weiter abgeschwächt wurden. Bedenklich stimmt, dass die Ortsbegehung, durch die die angeblich signifikante Verschlechterung und Gesundheitsgefährdung bekannt wurde, ohne Vertreter der Politik, des Personalrats und des zuständigen Immobilienbetriebs stattfand.

„Ich als Ausschussvorsitzender wurde erst am gleichen Tag, gut eine Stunde vor der Sitzung, über diesen neuen Tagesordnungspunkt von der Bürgermeisterin informiert“, kritisiert der SPD-Politiker Lothar Zimmermann.

Wenn Uta Heinrich der miserable Zustand der Rathaustürme, wie dargestellt wurde, bereits seit Jahren bekannt ist, warum muss dann ein anonymer Anruf den Stein ins Rollen bringen? Vor gut einem Jahr wurde von Fachleuten und dem Arbeitskreis „Raumkonzept“ die Nutzungsmöglichkeit über die nächsten Jahre bestätigt. Aufgrund dieser Aussage hatten die Politiker im Rat mehrheitlich der Sanierung der maroden Schulgebäude den Vorzug gegeben. Mehrere hundert Schüler in Marl können nicht einfach umziehen. Aber die 50 bis 55 Mitarbeiter der Stadtverwaltung, die ihre Büros auf der betroffenen Wetterseite haben, könnten andere leer stehende Räume nutzen.

Michael Groß steht zu der Entscheidung, „zuerst verlässlich die Schulen zu sanieren, weil wir den Euro nur einmal ausgeben können“. Die SPD ist zum Handeln bereit. „Wir machen keine leeren Versprechungen und beschließen auch nicht auf Grundlage eines anonymen Anrufs“, betont der Fraktionsvorsitzende.

Möglicherweise lagen der Bürgermeisterin wichtige Informationen vor, die aber gegenüber den Politikern zurückgehalten wurden. Falls sich die Sachlage nach neueren Erkenntnissen als äußerst schwerwiegend erweisen sollte, müsste der bisherige Beschluss neu überdacht werden. Zu befürchten ist aber, dass eine sofortige Sanierung der Rathaustürme wahrscheinlich zu Lasten der Schulen, der Jugendarbeit, der Kultur und dem bürgerschaftlichen Engagement gehen wird. „Sollte Frau Heinrich die Rathaustürme bevorzugen, muss sie dies gegenüber Schülern, Lehrern und allen anderen Bürgern vertreten und begründen“, fordert Michael Groß.