Heiße Themen und heiße Würstchen

MARL. Eine Geschichte, die alte Genossen erzählen: Vor langen Jahren -Lothar Hentschel war Bürgermeister – traf sich eine Handvoll SPD-Aktiver mit Gitarren unterm Arm zur Sonnenwendfeier auf der Lipper Höhe. Die Gitarren gibt es noch, die Genossen auch – nur dass heute Hunderte zur Halde kommen.
Und Sonnenwendfeier heißt die jährlich stattfindende Veranstaltung auch nicht mehr, sondern schlicht Haldenfest. Irgendwo zwischen dem Lipper Himmel und dem blauen Kanal treffen sich in jedem Sommer vor allem die älteren Partei-Semester, erleben eine sehr spezielle Mischung aus heißen politischen Themen, heißen Würstchen und kühlem Bier.

Das Haldenfest ist ein bisschen von allem, und das macht es wohl für so viele interessant: Es ist ein Stück politische Kundgebung. Es ist ein Familienfest, bei dem man Leute trifft, die einem nicht jeden Tag über den Weg laufen. Es ist zumindest hier und da ein Begegnungspunkt der Generationen, der jungen Mütter und Väter, der Jusos mit den Altvorderen der Partei, die schon Ehrenzeichen am Revers tragen.

Den offiziellen Teil des Nachmittages bestreitet Britta Altenkamp, stellvertretende Parteichefin im Land, außerdem ein Kind des Ruhrgebiets und deshalb gut vertraut mit den aktuellen Entwicklungen, die auch ihren Marler Parteifreunden die gute Laune verderben können.

Was es bedeutet, mit einem von außen verordneten Sparberater zu leben… das kann bisher auch die Essenerin Britta Altenkamp nur ahnen – genau wie Michael Groß, der Marler Fraktionschef, der das erste Kennenlerngespräch mit eben diesem Berater Rudolf Pezely heute führt.

Was bleibt – im politischen Alltag wie beim Feiern auf der Halde – ist ein mulmiges Gefühl. Ein Gefühl, das Entwicklungen angestoßen wurden, die nicht gut für die Partei und nach Überzeugung der Sozialdemokraten auch nicht gut für die Stadt sind. Britta Altenkamp spricht über Stadträte, die immer mehr an Einfluss verlieren, über hauptamtliche Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, die sich immer stärker Repräsentationsaufgaben zuwenden, um öffentlich einen guten Eindruck zu machen um wiedergewählt zu werden. War das ein Seufzen bei den Marler Mandatsträgern, die direkt neben ihr stehen? „Wir müssen wieder zu unseren alten Grundwerten zurückfinden", beschwört Groß die Festgäste.

Wobei die Redezeit eigentlich schon erschöpft ist: Bei allem Ernst der politischen Lage ruft die Basis nicht nur nach Perspektiven, sondern nach frischem Kaffee, selbst gebackenem Kuchen und später auch nach Bier und Reibekuchen. Man ist ja schließlich zum Feiern gekommen.

Und das tun sie dann, die alten und die mittelalten Genossen. Füße wippen, als das 1. Musikkorps Marl-Hüls aufspielt. Immer wieder richten sich die Blicke gen Himmel – das hat nicht nur mit dem Wetter zu tun. Zumindest nicht direkt: Die Regentropfen an diesem Nachmittag sind an einer Hand zu zählen. Immer neue Wolkenbänke tauchen auf und drehen wieder ab – Glück gehabt.

Weil der große Regen nicht kommt, weil der Wind wenig auffrischt, aber kein Sturm wird, weil alles gemessen und protokolliert wird, kommen auch die angekündigten Fallschirmspringer – mit Verspätung, aber immerhin: Sie kommen. Einer verfehlt eine Würstchenbude nur knapp -Glück gehabt.