Angemessene Individualität … in normaler Ausprägung

Peter Wenzel

Zur Verfügung der Bürgermeisterin über die Ausgestaltung der Diensträume im Rathaus schreibt Peter Wenzel in einer Mail an Uta Heinrich:

"Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,

mit Verwunderung habe ich zunächst Ihre von Ihnen höchstpersönlich unterschriebene Anweisung an die städtischen Bediensteten zur Kenntnis genommen.

Allerdings möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass zunehmend das Gefühl der Fassungslosigkeit Oberhand gewinnt, bei dem Versuch die Problemlagen zu gewichten.

Einerseits betonen Sie stets, dass nicht Sie, sondern der Kämmerer der Stadt für die Aufstellung des Haushaltes zuständig sei. Demgegenüber machen Sie sich aber die Verantwortung der städtischen Bediensteten für die Raumgestaltung zu eigen. Eine derartige Prioritätensetzung erzeugt bei mir weniger ein Kopfschütteln als blankes Entsetzen.

Sichtet man Ihre Argumente zu Ihrer Maßnahme, so schenken Sie Tatsachen wenig Beachtung. Letztendlich ignorieren Sie bei der Beschreibung der „innenarchitektonisch meisterhaft und mit sicherem Geschmack“ gestalteten Räume, dass die Mitarbeiter/innen schlichtweg in Räumen ausharren, die fast alle über einzelne blinde Fensterscheiben oder defekte, nicht mehr hochzuziehende Rollos verfügen. Ist eine blinde Fensterscheibe mit einem nicht mehr zu öffnenden Rollo ästhetischer unter Verzicht eines Fensterbildes oder einer den Schandfleck verdeckenden Gardine?

Private Bilder von Kindern der Mitarbeiter/innen an den Wänden, die nicht aus dem Kunstbesitz der Stadt Marl stammen, was wohl zu 100% zutreffend sein wird, sollen nicht mehr aufgehängt werden?

Es bleibt zu vermuten, was Sie unter „angemessene Individualität … in normaler Ausprägung“ verstehen, ich bin nur froh, dass ich mich Ihrem Urteil nicht unterwerfen muss.

Betrachten wir die wirklichen Probleme der Stadt und Ihr damit verbundenes Handeln, so sollte es in Ihrem Bemühen stehen, die Mitarbeiter/innen der Stadt Marl zu motivieren, sie als wichtiges Kapital der Stadtverwaltung zu unterstützen.

Menschen, die im Sommer bei 40 Grad im Büro schwitzen und Ihren privat bezahlten Kühlschrank entfernen müssen, ohne dass ihnen Alternativen gegeben wären, werden keinen Motivationsschub erhalten. Mitarbeiter/innen, die in Ermangelung von „ästhetischen“ Teeküchen auf den öffentlichen Toiletten ihr Geschirr spülen müssen, werden Sie sicher nicht verstehen! Und vor allem Mütter und Väter, Tanten und Onkel im städtischen Dienst, die Kinderfotos oder Kinderzeichnungen von der Wand hängen müssen, weil sie nicht aus dem städtischen Kulturbesitz stammen, werden ihren Ärger kaum verbergen können.

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, ich bitte Sie höflich und wenn auch wenig „ästhetisch“ nicht nur im Interesse des Betriebsfriedens und zur Vermeidung der Beschädigung des Bürgermeisteramtes Ihre Anweisung zurückzuziehen."